Aktuelle Pressestimmen

Schwazwälder Bote, 5. Oktober 2016, Sabine Miller

Umbruch und Wechsel als Leitmotiv

Albstadt-Ebingen. Veränderung und Umbruch waren Leitmotive dieses Programm, und wohl nicht von ungefähr – seit kurzem hat der Maulbronner Kammerchor einen neuen künstlerischen Leiter. Der Wechsel scheint geglückt zu sein: Benjamin Hartmann, der neue und noch junge Dirigent, weiß die Qualitäten seines Ensembles, seine Homogenität, Ausdruckskraft und Wärme, zur Geltung zu bringen. Er wusste genau, wann die Soprane Leuchtkraft zu entfalten hatten – etwa im eröffnenden Kyrie oder dem "Heilig" aus der Deutschen Liturgie von Felix Mendelssohn Bartholdy – und wann das Bassfundament samtig klingen sollte. Vor allem aber verstand er sich darauf, eine dynamische Einheit zu erzeugen. Vokale Energie und Sinnlichkeit waren selbst in schrillen Tonfetzen von Ingvar Lidholms avantgardistischem "Motto" spürbar, und die gekonnte Akzentuierung melodischer Schönheit hüllte Arvo Pärts "Which was the Son of" in ein weiches Licht.


Ebenso wie der Este Pärt gehört auch Peteris Vasks zu den meistaufgeführten Komponisten der Gegenwart. Seinen Tonschöpfungen wohnt eine rückhaltlose emotionale Kraft inne; sein zart aufblühendes und ätherisch strömendes "Madrigals" traf den Hörer in der Martinskirche mitten ins Herz. Das Stück des Letten war der klangmagische Mittelpunkt eines Programms, das immer wieder Türen zu neuen musikalischen Sprachen öffnete.


Pure Poesie sind auch die Bilder, die Veljo Tormis’ "Sügismaastikud" – das estnische Wort lässt sich mit "Herbstlandschaften" übersetzen – lautmalerisch beschreibt. Von der opulenten Sattheit des Spätsommers bis zur monotonen Kälte der Herbstnacht zeichnete der Maulbronner Kammerchor die sich wandelnden Gesichter dieser Umbruchsjahreszeit mit expressiver Dringlichkeit nach.


Weit unspektakulärer wirkt da Johannes Brahms’ stilles, sanftes "Im Herbst", das die Sänger wie aus einer Kehle zu singen schienen. Danach erhoben sie in Max Regers kontemplativem "Der Mensch lebt und bestehet nur eine kleine Zeit" ihre Stimmen zu musikalischer Andacht – und ließen die Stimmung dann abermals umschlagen: Euphorische Klangfarbenpracht des zeitgenössischen Komponisten Javier Busto setzte den Schlusspunkt. Wie gesagt: Dieses Konzert war dem Prinzip des Wechsels verpflichtet.


Nur eines blieb bis zur Zugabe konstant: In punkto Textverständnis, Stilgefühl und Klangbalance bewegten sich der Maulbronner Kammerchor und Dirigent Hartmann auf gleichbleibend hohem Niveau.




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Sindelfinger Zeitung, 5. Oktober 2016, Bernd Heiden

Jede Menge spannende Musik

Die Orgelreihe ist eines der besteingeführten Konzertformate der Region. Es läuft. Dass am Samstagnachmittag allerdings die Sitzplätze knapp werden, ist auch für die Traditionsserie nicht selbstverständlich. Der diesmal große Andrang hatte vermutlich zwei Hauptgründe: Anlass und Akteure.

Denn mit dem zwölften Konzert endete die diesjährige 27. Ausgabe. Und zum Jahresabschluss hatte sich ein Ensemble angekündigt, das bereits in der Vergangenheit mit seinen Sindelfinger Auftritten beste Werbung in eigener Sache betrieben hatte: der Maulbronner Kammerchor.

„Himmelreich des Wechsels“ hatte der Chor sein diesmaliges Gastspiel überschrieben, ein Zitat des Nihilismus-Diagnostikers und Metaphysik-Kritikers Friedrich Nietzsche. Freilich weniger Philosophie als ein konkreter Anlass führten zur Mottowahl. Der Chor, der nach Selbstverständnis und Auszeichnungen zur Topliga deutscher Laienchöre zählt, hat eine bedeutende Zäsur hinter sich. Erst im Juni wurde der Chorgründer und langjährige Leiter Jürgen Budday verabschiedet. Seither leitet der junge Dirigent Benjamin Hartmann das Ensemble. Das in Sindelfingen aufgeführte Programm mit drei Klassikern der deutschen Romantik und vielen neueren Werken vor allem von Komponisten des Baltikums und Skandinaviens war mit zehn Neuaufnahmen fast eine komplette Neueinstudierung.

Am Ende hatte das Ensemble damit die Zeitvorgabe von etwa einer drei viertel Stunde Musik deutlich um etwa eine halbe Stunde überzogen. Doch in diesem Fall ging das in Ordnung. Was das Ensemble bot, war nicht nur von vorne bis hinten hochklassig. Die Maulbronner servierten von der Ouvertüre bis zum Finale schlicht einen Riesenhaufen spannender Musik.

Trotz hie und da mal auftauchenden Kleinstintervallen und komplexen, schon leicht in Richtung Cluster spickenden Tonstapeln, der Chor ließ in seinem Programm reinrassig avantgardistische Werke außen vor. Auch wenn mit den Finalkadenzen von Poulencs „Exultate Deo“ Proben bissiger Harmonien geliefert werden, insgesamt setzen die gesungenen weltlichen und geistlichen Werke auf Schön- statt Störklang, die Komponisten arbeiten fast durchweg ganz undogmatisch mit schwebenden Reibungen wie auch reinen Konsonanzen.

Eines der nicht charakterlich, aber konzeptionell witzigsten Stücke ist dabei „Motto“ von Ingvar Lindholm, geheimnisvoll-paradox umschrieben als einstimmige, quasi zwölftönige Motette für vierstimmigen Chor. Tatsächlich ist „Motto“ weitgehend einstimmig, allerdings flitzen die Episoden vielfach so flink durch die verschiedenen Register, dass sich beim Zuhören der Eindruck eines mit kontrapunktischen Künsten gespickten, vielstimmigen Stücks ergibt.

Gregorianisch-esoterisches Fluidum verströmt „To everything there is a season“ von Neil Cox, Verflüchtigung schwermütig-volkstümlicher Melodien in einem Glockenläuten vergleichbaren Tonflimmern bringt Peteris Vasks „Madrigals“, herrliche Naturlautimitation wie mit kalt schneidenden Böen über kahle Landschaften pustender Wind beschert „Sügismaastikud“ (Herbstlandschaften) von Veljo Tormis. Idyllisch fällt dagegen das vorwinterliche Werk „Hösten“ (Der Herbst) Sven-Eric Johansons aus. Die deutsche Romantik mit Stücken von Brahms, Reger und Mendelssohn-Bartholdy bringt der Chor zum Atmen.

Klingt nach Watte, ohne in Schaumschlägerei abzudriften. Wie anspruchsvoll dieser Auftritt ist, lässt sich letztlich am ehesten noch in zwei, drei kleinen Nachjustierungen im Sopran abhören. Fundiert durch ein stabil und präzise wie ein Orgelpedal stehendes Bassregister, zeigen sich die Maulbronner insgesamt aber so, wie es dem Selbstverständnis entspricht. Topliga, wie erwähnt.


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Pforzheimer Zeitung, 26. September 2016, Ekkehard Uhlig

Klangmagie im Kloster Maulbronn bleibt

Maulbronn. Auch nach dem Wechsel am Dirigentenpult und dem deutlichen Generationenwechsel unter den Sängern ist der Maulbronner Kammerchor mit seinen gut austarierten Sopran- und Altstimmen, Tenören und Bässen in tadellosem Zustand: Ihm gelingt Altes und Neues gleichermaßen, von Felix Mendelssohn Bartholdys „Kyrie“ und „Gloria“ aus dessen Deutscher Liturgie bis zur Komposition „Stars“ für achtstimmigen Chor und sechsstimmigen, von den Sängern an Wasserglas-Rändern mit kreiselnden Fingern gestaltetem „Gläserchor“ des 1977 geborenen Balten Eriks Esenvalds.

Jürgen Buddays jugendlicher Nachfolger Benjamin Hartmann, Maulbronner Seminarist und Schüler Buddays, betonte mit einem Friedrich – Nietzsche-Zitat „das Himmelreich des Wechsels“ und leitete davon die Inhalte seines ersten Maulbronner A-cappella-Programms ab, mit dem er bei den Klosterkonzerten enthusiastischen Beifall auslöste: Geistliche Chöre sowie Chormusik, die den Wechsel der (Jahres-) Zeiten besingt. Hartmanns Maxime: „Kontinuität und Kontrast“.

Für Kontinuität stand die von hoher Gesangskunst geprägte Wiedergabe des vierstimmigen Chores „Im Herbst“ von Johannes Brahms. Pulsierende Melodiebögen und sanftes Legato zeichneten diese herbstlich gestimmten Vokalmusik aus.


Spirituell berührend

Den Kontrast hierzu und auch zu Max Regers spätromantischem Chorsatz „Der Mensch lebt und bestehet nur eine kleine Zeit“ bildeten moderne Chorstücke baltischer Komponisten. Mit schrillen Sopran-Einwürfen wurde das „Motto“ von Ingvar Lidholm chorisch vorgetragen: „Die Zeiten sind immer neu“. Arvo Pärts „Which was the Son of“ zählt wie im Telefonbuch Namen auf, um mit spirituell berührender sanglicher Schönheit in die Zeile „which was the son of God“ zu münden.

In Peteris Vasks „Madrigals“ gelang eine ätherisch strömende Klangmagie. Lautmalerische Poesie erfreute in Veljo Tormis „Herbstlandschaften“. Prächtige Farben bestimmten den Chor „Sagastipean“ von Javier Busto – mal glaubte man hell und frisch singende Kinder zu hören, mal schläfrig-lebenssatte Menschen. Hartmanns Einstand rankte sich musikalisch um Gegenpole – Glück und Schmerz, Melancholie und Euphorie. Auch grelle Dissonanzen und Reibungen blieben nicht aus. Die gehören freilich zu unserer Zeit.


 


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