Programm-Konzeptionen

Der Mensch lebt und bestehet
Geburt - Endlichkeit - Ewigkeit
Von Jürgen Budday

Unter dem Titel "Der Mensch lebt und bestehet" möchte der Maulbronner Kammerchor Kompositionen in einen inhaltlichen und inneren Zusammenhang stellen, der Geburt nicht nur als ein freudiges Ereignis, sondern als einen Schöpfungsakt begreift, in dem Göttliches und Menschliches zusammenfinden, in dem irdische Endlichkeit impliziert ist, der aber gleichzeitig darüber hinausgeht und zu seinen göttlichen Ursprüngen zurückführt. So werden prophetische Worte des Alten Testaments aufgegriffen, die sich in der Ankündigung der Menschwerdung Christi an Maria konkretisieren ("Angelus Domini - Ave Maria") und ins weihnachtliche Geschehen hineinführen ("Gloria" bzw. "O magnum mysterium"), gleichzeitig aber die Vereinigung des Menschen mit der göttlichen Wirklichkeit durch Läuterung und Versenkung (Unio mystica) thematisieren. Jedes Leben hat ein Ziel, weist über die irdische Endlichkeit hinaus und führt zum "hellen, schönen, lichten Tag, an dem er/sie selig werden mag."

Das Programm wird eröffnet mit einer Vertonung des altfranzösischen Hymnus aus dem 15.Jahrhundert "Veni, Emmanuel" durch den schwedischen Komponisten Jan Ake Hillerud. In diesem Lied wird, in Anlehnung an Offenbarung 22, 16+17, auf das Kommen Christi als heller Morgenstern und Friedensbringer verwiesen Der Satz ist so gehalten, dass er sowohl vom Frauenchor als auch vom Männerchor und als gemeinsamer 8stimmiger Satz gesungen werden kann.

Mendelssohn vertont in seiner achtstimmigen Motette "Warum toben die Heiden" den kompletten 2. Psalm mit einer angefügten Doxologie. Es handelt sich um eine doppelchörige, einsätzige Komposition, die sich in mehrere Abschnitte gliedert. Diese grenzen sich durch Tempo, Taktart und Tonart deutlich voneinander ab. Zusätzlich ist jedem Abschnitt ein eigener melodischer Duktus zugeordnet und Tuttipartien wechseln mit Solopartien ab. Auffallend ist die Kontrastwirkung verschiedener Abschnitte, die dem Inhalt des Textes entspricht. Bemerkenswert der schlichte Schluss, in dem Mendelssohn auf einen polyphonen Satz im Palestrina-Stil zurückgreift, wohl von dem Text "wie es war im Anfang" inspiriert. Inhaltlich formuliert der Psalmist den Unfrieden unter den Völkern, der in krassem Gegensatz zu Gottes Reich steht. Dieses kommende Reich und damit die Menschwerdung des Gottessohnes werden in diesem Psalm prophezeit.

Ein stilistisch sehr vielseitiges Werk ist die Motette "The works of the Lord" (Ps. 46,9-10 u. Ps. 72, 18-19a) von Leland B. Sateren die inhaltlich unmittelbar an Mendelssohns "Warum toben die Heiden" anschließt. Dicht am Text sich orientierend schreibt der Komponist im klangvollen homophonen Stil, wenn er von den großen Taten Gottes, die er an seinem Volk tut, berichtet und ihn dafür preist. In den dramatischen Textpartien ("Er wehrt den Kriegen in der Welt" - "Er zerschmettert den Speer, er zerbricht den Bogen") bedient er sich dissonanter Mittel (Cluster) sowie laut und derb gesprochenen Textes. Der Anfang ("Komm und schaue die Werke des Herrn") klingt wie eine Aufforderung, die von Stimme zu Stimme weitergegeben wird, bis sie im vollen 6stimmigen Satz zusammenfindet.

Im Ave Maria von Franz Biebl finden wir den gängigen Text des "Ave Maria" umgeben von einstimmigen Rezitationen, in denen der Engel des Herrn Maria die Geburt Jesu ankündigt (vergleiche Magnificat), bis hin zu den Worten des Johannesevangeliums "Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns." Die Motette ist aufgeteilt in zwei Chöre à 3 bzw 4 Stimmen. Die Tonsprache ist von romantischer Klangfülle mit einigen überraschenden harmonischen Wendungen.

Ganz ähnlich in der Anlage stellt sich die doppelchörige Komposition "A Hym to the Virgin" von Benjamin Britten dar. Der Text (ca.1300), der Maria als liebliche, strahlende und verehrenswerte Jungfrau, die den Sohn Gottes trägt, preist, ist von Britten in einer archaischen Grundstimmung und Melodik vertont worden. Dabei teilt er dem ersten Chor einen englischen Text zu, der vom zweiten Chor in lateinischer Sprache interpoliert und kommentiert wird.

Man stellt sich verwundert die Frage, was einen Komponisten reizen kann, einen Stammbaum zu vertonen. Arvo Pärt, dem Minimalisten unter den Tonsetzern, gelingt es in seiner Motette "Which was the son of..." auf höchst eindrucksvolle Weise die Umsetzung des 77(!!) Namen umfassenden Stammbaums aus Lukas 3, 23 - 38. Nach einer kurzen Einleitung zählt er die Namen auf: Zuerst sehr leise und einstimmig. Der Satz steigert sich allmählich sowohl von der Stimmenzahl als auch von der Dynamik. Seinen klanglichen Höhepunkt erreicht die Komposition im Mittelteil, wo Lukas die großen Stammväter Jakob, Isaak und Abraham aufzählt. Ein opulenter fünfstimmiger Männerchor, gefolgt von einem achtstimmigen homophonen gemischten Chorsatz symbolisieren die Bedeutung und Größe dieser Männer. Ein nachfolgender aufgelockerter, imitatorischer Satz verlagert das Gewicht der Komposition vom Harmonischen zum Motorischen, ehe die Schlusswendung, in der der ganze Stammbaum auf Gott zurückgeführt wird, wieder in strahlendem Klang erscheint. Dabei bewegt sich Pärt während des ganzen Stückes harmonisch ausschließlich im kadenziellen Bereich von e-Moll und G-Dur, allein das letzte "Amen" wendet die Komposition hin zu einem lichten E-Dur.

Die Motette "O magnum mysterium" des amerikanischen Komponisten dänischer Herkunft, Morten Lauridsen, spricht vom Wunder der Geburt Jesu. Die Komposition thematisiert aber gleichermaßen die unio mystica, die Vereinigung mit der göttlichen Wirklichkeit durch Läuterung und ekstatische Versenkung.

Die Idee zu seinem "Gloria", gewidmet "A la Casa de la Madre y el Nino" in Bogota kam Jan Sandström in einem Traum, den er folgendermaßen beschreibt: "In einer Kirche auf einem Berg hoch über Bogota wiederholte ein Kinderchor ununterbrochen das Gloria, während mal das eine, mal das andere Kind mit dem Ausruf 'Gloria in excelsis' aus der Menge heraustrat." Diese Konstellation des raschen Wechsels Chor / Vorsänger hat Sandström in seine Komposition einfließen lassen; beschwingter Rhythmus, eingängige reizvolle Harmonik und ein Klang, der die Zuhörer von allen Richtungen her einschließt, machen das Zuhören zum Erlebnis.

Mit dem Stück: "Es ist ein Ros entsprungen" komponierte Sandström eine neue harmonische Grundierung für das Weihnachtslied. Aus der Ferne erklingt - wie eine Erinnerung - der alte Satz von Michael Prätorius. So schafft Sandström eine Begegnung zwischen Vergangenheit und Gegenwart.

Die 2001 komponierte 8stimmige Motette "Ich bin das Brot des Lebens" von Wolfram Buchenberg lebt im Wesentlichen von der Gegenüberstellung von Frauen und Männerchor. Sie ist komponiert auf Worte des 1. Psalms und Johannes 6 Vers 35 und formuliert die Person Christi als Grundlage, ja geradezu Bedingung menschlicher Esistenz. Nach einer sehr meditativen und zum Teil clusterartigen Einstimmung auf der Basis der Fünftonleiter d-e-fis-gis-a ertönen dann die Worte Christi "Ich bin das Brot des Lebens". wie aus einer anderen Sphäre, in kühnen harmonischen Rückungen dargestellt durch den Männerchor. Im Mittelteil folgt in den mittleren Frauenstimmen eine rhytmisch-melodische Improvisation über ein kurzes Motiv, bei der die einzelnen Sängerinnen angehalten sind, ein jeweils individuelles Tempo zu wählen. Die Komposition mündet dann in einen 8stimmigen homophonen Satz, um wieder so zu verklingen wie sie angefangen hat.

Felix Mendelssohn Bartholdy komponierte sein vierchöriges, 16stimmiges "Hora est" im Jahre 1828 für die Berliner Singakademie. Der Text basiert auf einer Antiphon und einem Responsorium aus dem Officium der Adventszeit. "Es ist Zeit, dass wir uns aus dem Schlaf erheben". Das Werk wird von einem Männerchor in g-Moll eröffnet, diesem folgt ein zweiter, kontrastierender Teil in akkordischer Deklamation ("Ecce apparebit") in hellem D-Dur hoher Stimmen. Das anschließende Fugato erinnert an die Schlussfuge des Gloria aus Bachs h-Moll Messe ("Cum sancto spiritu"). Besonders reizvoll an diesem Werk ist die Aufgliederung in Frauenchor, Männerchor und gemischte Chorgruppierungen bis hin zur klangvoll üppigen und überwältigenden Sechzehnstimmigkeit.

Den Bogen hin zur Vergänglichkeit bzw. Ewigkeit schlägt das Programm mit 3 Motetten aus op. 138 von Max Reger. Die Chorsätze sind homophon und von einer Klarheit, wie wir sie sonst nur in der alten a cappella-Kunst wiederfinden. Dies zeigt sich in der melodisch selbstständigen Führung der Stimmen und der sparsamen Chromatik. Die Sätze sind von einer großen klanglichen und expressiven Dichte und zeigen eine breite Ausdruckspalette. Die doppelchörige Motette "Der Mensch lebt und bestehet nur eine kleine Zeit" (Text Matthias Claudius) hat für Reger selbst eine schicksalhafte Bedeutung bekommen. Am 10.Mai 1916 verließ er abends um 23 Uhr ein Cafe, in dem er sich mit dem Thomaskantor Straube getroffen hatte. Am anderen Morgen wurde Reger tot in seinem Bett aufgefunden. Aufgeschlagen auf dem Tisch lagen die Korrekturfahnen der Motette "Der Mensch lebt und bestehet nur eine kleine Zeit".

 



Du verwandelst meine Klage in einen Reigen

Das Programm "Du verwandelst meine Klage in einen Reigen" stellt Kompositionen der Klage, Kompositionen der Freude, des Dankes und Lobes gegenüber. Das Programm ist nicht nur von inhaltlichen, sondern auch von musikalisch-stilistischen Gegensätzen geprägt. Der Maulbronner Kammerchor folgt bei der Umsetzung dieser Kontraste dem entwickelnden Prinzip, d.h. klagend expressive Kompositionen entwickeln sich nach und nach zu vitalen, tänzerisch-rhythmischen Ausdrucksformen.

 



Die Tradition der Stundengebete

von Jürgen Budday

Die Tradition der Stundengebete (insbesondere Complet) wird am Evangelischen Seminar, dem Träger der Klosterkonzerte und des Maulbronner Kammerchors, auch heute noch zu bestimmten Anlässen gepflegt. So lag es nahe, die liturgische Form der Stundengebete auf ein musikalisch geistliches Programm zu übertragen. Natürlich ist es nicht möglich, die kompletten Texte der Stundengebete als Chorkompositionen darzubieten. So beruht das Konzept des Programms darauf, aus jedem Stundengebet wesentliche Bestandteile der Liturgie durch textgleiche oder paraphrasierende Chorkompositionen zu übernehmen. Jedes Stundengebet beinhaltet einen tageszeitlichen Text, ein Psalmgebet und ein Canticum (neutestamentarischer Lobgesang). So ist im Morgengebet als Canticum das Benedictus des Zacharias oder das Te Deum vorgesehen, die Vesper beinhaltet als Canticum das Magnificat (Lobgesang der Maria) und in der Complet findet sich als Canticum der Lobgesang des Simeon (Nunc dimittis).

Eine besondere Spannung beinhaltet das Programm dadurch, dass Kompositionen des 19. Jahrhunderts stilistisch konträren Kompositionen des 20. Jahrhunderts und einstimmigen altkirchlichen Gesängen gegenüber gestellt werden. Während sich Arvo Pärt bei seinem Magnificat auf wenige Harmonien beschränkt und sehr sparsam mit den musikalischen Mitteln umgeht (minimal music), insgesamt aber von einer vertikal bestimmten Harmonik und sensiblen Klanglichkeit ausgeht, dominiert in der Komposition von Rolf Schweizer eine strikte kontrapunktische Linearität, die primär auf die konsequente Durchgestaltung jeder einzelnen Stimme angelegt ist und damit den vertikal harmonischen Aspekt unterordnet. Rolf Schweizer ist in seiner Komposition "O lux mentium" vor allem im imitatorisch-rhythmischen Bereich von grosser Stringenz, hält das Werk aber durch eher homophon geprägte Einschübe ("O Lux") in einer klanglichen Balance.

Von ganz anderer Art ist die Komposition "Hear my prayer, o Lord" des zeitgenössischen schwedischen Komponisten Sven David Sandström, die auf eine Vorlage des englischen Barockkomponisten Henry Purcell zurückgeht. Sandström übernimmt die Komposition Purcells wörtlich und führt sie ungefähr in der Mitte des Stückes klanglich sehr sensibel in seine eigene, moderne Tonsprache über. Sandström geht es um eine sehr expressive Ausdeutung des Textes "Höre mein Gebet, o Herr, und lass mein Schreien zu dir kommen". Nach anfänglich verhaltenem, klagendem Ton baut sich das Stück nach und nach auf und gipfelt in einem äusserst dramatischen, existenziell betroffenen Aufschrei, in dem der Beter seine Verzweiflung hinausschreit (Sopran bis c"‘). Scharfe Dissonanzen und extreme Dynamik verdeutlichen seine Gemütslage. Nach und nach jedoch wird das Werk wieder zurückgeführt und endet schliesslich im zartesten Pianissimo und einem reinen C-Dur-Dreiklang (Bass bis zum grossen C). Der Beter kommt also allmählich zur Ruhe und gibt sich hoffend und vertrauensvoll in die Führung Gottes.

 



Theologische Betrachtungen
von Rainer Luipold

"Tröste mich wieder..." Dieser Vers aus dem 51. Psalm beschreibt den thematischen Bogen, unter dem auf der vorliegenden Einspielung Werke unterschiedlicher Epochen zusammengefügt sind. Johannes Brahms stellt ihn ins Zentrum seiner Motette op. 29/2, die ganz in der Spannung zwischen der Einsicht in die Sündhaftigkeit und Vergänglichkeit des Menschen ("verwirf mich nicht von deinem Angesicht") und der Bitte um den Beistand Gottes sowie der Hoffnung auf seine Hilfe steht ("Tröste mich wieder mit deiner Hilfe").

So zeichnen sich hier die versammelten Motetten durchweg durch einen Gebets-Charakter aus, wobei teils stärker die Klage ("Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen"; "Mitten wir im Leben sind von dem Tod umfangen"), teils stärker die Bitte um Beistand ("Schaffe mir Recht, Gott"; Psalm 43), teils gar die Gewissheit der angesichts der menschlichen Schwachheit schon geschenkten Hilfe und Tröstung ("Der Geist hilft unsrer Schwachheit auf"; "Ich lieg' und schlafe ganz mit Frieden") im Vordergrund steht.

Von dem als Introitus vorangestellten "Veni, veni Emmanuel" (Komm, komm, 'Gott mit uns'), das die alttestamentliche Hoffnung auf den Erlöser in eine flehende Bitte fasst, spannt sich der Bogen über die gegenwärtige Tröstung bis hin zu der - in Sandströms Vertonung der Verse aus dem 21. Kapitel der Apokalypse äußerst plastisch dargestellten - Vision der endzeitlichen Aufhebung aller Gegensätze ("Gott wird abwischen alle Tränen und der Tod wird nicht mehr sein"), wenn nämlich "Gott mit ihnen" sein wird, und alle Dinge neu macht.

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