Der Mensch lebt und bestehet

Unter dem Titel „Der Mensch lebt und bestehet" stellt der Maulbronner Kammerchor Kompositionen in einen inhaltlichen und inneren Zusammenhang, der Geburt nicht nur als ein freudiges Ereignis, sondern als einen Schöpfungsakt begreift, in dem Göttliches und Menschliches zusammenfinden, in dem irdische Endlichkeit impliziert ist, der aber gleichzeitig darüber hinausgeht und zu seinen göttlichen Ursprüngen zurückführt. So werden prophetische Worte des Alten Testaments aufgegriffen, die sich in der Ankündigung der Menschwerdung Christi an Maria konkretisieren („Angelus Domini - Ave Maria") und ins weihnachtliche Geschehen hineinführen („Gloria" bzw. „O magnum mysterium"), gleichzeitig aber die Vereinigung des Menschen mit der göttlichen Wirklichkeit durch Läuterung und Versenkung (Unio mystica) thematisieren. Jedes Leben hat ein Ziel, weist über die irdische Endlichkeit hinaus und führt zum „hellen, schönen, lichten Tag, an dem er/sie selig werden mag." (Reger)

Im Ave Maria von Franz Biebl (1906-2001) finden wir den gängigen Text des „Ave Maria" umgeben von einstimmigen Rezitationen, in denen der Engel des Herrn Maria die Geburt Jesu ankündigt (vergleiche Magnificat), bis hin zu den Worten des Johannesevangeliums „Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns." Die Motette ist aufgeteilt in zwei Chöre à 3 bzw. 4 Stimmen. Die Tonsprache ist von romantischer Klangfülle mit einigen überraschenden harmonischen Wendungen.

Ganz ähnlich in der Anlage stellt sich die doppelchörige Komposition „A Hym to the Virgin" von Benjamin Britten (1913-1976) dar. Der Text (ca. 1300), der Maria als liebliche, strahlende und verehrenswerte Jungfrau, die den Sohn Gottes trägt, preist, ist von Britten in einer archaischen Grundstimmung und Melodik vertont worden. Dabei teilt er dem ersten Chor einen englischen Text zu, der vom zweiten Chor in lateinischer Sprache interpoliert und kommentiert wird.

Man stellt sich verwundert die Frage, was einen Komponisten reizen kann, einen Stammbaum zu vertonen. Arvo Pärt (geb. 1935), dem Minimalisten unter den Tonsetzern, gelingt es in seiner Motette „Which was the son of..." auf höchst eindrucksvolle Weise die Umsetzung des 77(!!) Namen umfassenden Stammbaums aus Lukas 3, 23 - 38. Nach einer kurzen Einleitung zählt er die Namen auf: Zuerst sehr leise und einstimmig. Der Satz steigert sich allmählich sowohl von der Stimmenzahl als auch von der Dynamik. Seinen klanglichen Höhepunkt erreicht die Komposition im Mittelteil, wo Lukas die grossen Stammväter Jakob, Isaak und Abraham aufzählt. Ein opulenter fünfstimmiger Männerchor, gefolgt von einem achtstimmigen homophonen gemischten Chorsatz symbolisieren die Bedeutung und Grösse dieser Männer. Ein nachfolgender aufgelockerter, imitatorischer Satz verlagert das Gewicht der Komposition vom Harmonischen zum Motorischen, ehe die Schlusswendung, in der der ganze Stammbaum auf Gott zurückgeführt wird, wieder in strahlendem Klang erscheint. Dabei bewegt sich Pärt während des ganzen Stückes harmonisch ausschliesslich im kadenziellen Bereich von e-Moll und G-Dur, allein das letzte „Amen" wendet die Komposition hin zu einem lichten E-Dur.

Die Motette „O magnum mysterium" des amerikanischen Komponisten dänischer Herkunft, Morten Lauridsen (geb. 1943), spricht vom Wunder der Geburt Jesu. Die Komposition thematisiert aber gleichermassen die unio mystica, die Vereinigung mit der göttlichen Wirklichkeit durch Läuterung und ekstatische Versenkung.

Die Idee zu seinem „Gloria", gewidmet „A la Casa de la Madre y el Nio" in Bogota kam Jan Sandström (geb. 1954) in einem Traum, den er folgendermassen beschreibt: „In einer Kirche auf einem Berg hoch über Bogota wiederholte ein Kinderchor ununterbrochen das Gloria, während mal das eine, mal das andere Kind mit dem Ausruf ‚Gloria in excelsis' aus der Menge heraustrat." Diese Konstellation des raschen Wechsels Chor / Vorsänger hat Sandström in seine Komposition einfliessen lassen; beschwingter Rhythmus eingängige reizvolle Harmonik und ein Klang, der die Zuhörer von allen Richtungen her einschliesst, machen das Zuhören zum Erlebnis.

Die 2001 komponierte 8-stimmige Motette „Ich bin das Brot des Lebens" von Wolfram Buchenberg (geb. 1962) lebt im Wesentlichen von der Gegenüberstellung von Frauen und Männerchor. Sie ist komponiert auf Worte des 1. Psalms und Johannes 6, Vers 35 und formuliert die Person Christi als Grundlage, ja geradezu Bedingung menschlicher Existenz. Nach einer sehr meditativen und zum Teil clusterartigen Einstimmung auf der Basis der Fünftonleiter d-e-fis-gis-a ertönen dann die Worte Christi „Ich bin das Brot des Lebens". Wie aus einer anderen Sphäre, in kühnen harmonischen Rückungen dargestellt durch den Männerchor. Im Mittelteil folgt in den mittleren Frauenstimmen eine rhythmisch-melodische Improvisation über ein kurzes Motiv, bei der die einzelnen Sängerinnen angehalten sind, ein jeweils individuelles Tempo zu wählen. Die Komposition mündet dann in einen 8-stimmigen homophonen Satz, um wieder so zu verklingen wie sie angefangen hat.

Den Bogen hin zur Vergänglichkeit bzw. Ewigkeit schlägt das Programm mit 3 Motetten aus op. 138 von Max Reger (1873-1916). Die Chorsätze sind homophon und von einer Klarheit, wie wir sie sonst nur in der alten a cappella-Kunst wiederfinden. Dies zeigt sich in der melodisch selbstständigen Führung der Stimmen und der sparsamen Chromatik. Die Sätze sind von einer grossen klanglichen und expressiven Dichte und zeigen eine breite Ausdruckspalette. Die doppelchörige Motette „Der Mensch lebt und bestehet nur eine kleine Zeit" (Text Matthias Claudius) hat für Reger selbst eine schicksalhafte Bedeutung bekommen. Am 10. Mai 1916 verliess er abends um 23 Uhr ein Café, in dem er sich mit dem Thomaskantor Straube getroffen hatte. Am anderen Morgen wurde Reger tot in seinem Bett aufgefunden. Aufgeschlagen auf dem Tisch lagen die Korrekturfahnen der Motette „Der Mensch lebt und bestehet nur eine kleine Zeit".

Felix Mendelssohn Bartholdy (1809-1847) komponierte sein vierchöriges, 16-stimmiges „Hora est" im Jahre 1828 für die Berliner Singakademie. Der Text basiert auf einer Antiphon und einem Responsorium aus dem Officium der Adventszeit. „Es ist Zeit, dass wir uns aus dem Schlaf erheben". Das Werk wird von einem Männerchor in g-Moll eröffnet, diesem folgt ein zweiter, kontrastierender Teil in akkordischer Deklamation („Ecce apparebit") in hellem D-Dur hoher Stimmen. Das anschliessende Fugato erinnert an die Schlussfuge des Gloria aus Bachs h-Moll Messe („Cum sancto spiritu"). Besonders reizvoll an diesem Werk ist die Aufgliederung in Frauenchor, Männerchor und gemischte Chorgruppierungen bis hin zur klangvoll üppigen und überwältigenden Sechzehnstimmigkeit.

Eine Besonderheit dieses Programmes besteht in der Einbeziehung mehrchöriger Kompositionen, deren Wirkung durch eine räumlich getrennte Aufstellung deutlich erhöht wird und die auch kompositorisch intendiert ist. So erleben wir in den Motetten von Biebl und Britten jeweils einen kleineren Fernchor von der Empore der Klosterkirche herab. Auch die Solisten im „Gloria" von Sandström verstärken die Raumwirkung durch eine dem Chor gegenüber gestellte Positionierung. Ebenso entfalten die Reger-Motetten eine eigene Klanglichkeit durch eine extrem breite, den ganzen Chorraum ausfüllende, gemischtstimmige Aufstellung. Die Maulbronner Klosterkirche bietet für solche Klangkonzeptionen ideale Voraussetzungen.

Von Jürgen Budday.

 

Der Mensch lebt und bestehet


Der Mensch lebt und bestehet
Geburt Endlichkeit Ewigkeit

Maulbronner Kammerchor
Leitung: Jürgen Budday

Ein a-cappella Chorkonzert
mit Werken von:

Franz Biebl, Benjamin Britten,
Arvo Pärt, Morten Lauridsen,
Jan Sandström, Wolfram Buchenberg,
Max Reger und
Felix Mendelssohn-Bartholdy

K&K Verlagsanstalt
Edition Kloster Maulbronn, 2007
CD, DDD, ca. 55 Minuten
ISBN 978-3-930643-99-8
EUR 18,-

Erhältlich über eine Email an den
Shop des Maulbronner Kammerchors
oder bei unseren Konzerten direkt.

 

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