Die Nacht leutet wie der Tag

Zu den einzelnen Werken:

Leonhard Lechner: Nun schein, du Glanz der Herrlichkeit.
Diese 5stimmige Motette dieses frühbarocken Meisters unterliegt einer ganz klaren, durch den Text vorgegebenen Gliederung. Imitatorisch-polyphone Abschnitte wechseln mit homophonen Blöcken. Wortgezeugte musikalische Symbole (z.B. "finsteres Tal" = tiefe Lage, "königlicher Saal" = hohe Lage) prägen das Stück. Formulierungen wie "Glanz", "Herrlichkeit", "klare Sonne", "bei dem schönen Licht" verweisen auf das Reich Gottes, während das Erdendasein mit dem "finsteren Tal" gleichgesetzt wird.

Jan Pieterszon Sweelinck: Der 150. Psalm
Sweelinck ist der letzte Vertreter der sogenannten Niederländer-Generationen. Er steht im Übergang zum Barock und komponiert noch im Stile antico (ohne Generalbass). Der 150. Psalm ist ein einziger Lobpreis Gottes. Entsprechend klangprächtig ist der 8stimmige Satz, den Sweelinck immer wieder in doppelchörige Episoden oder Hochchor/ Tiefchor gliedert. Gott wohnt in Herrlichkeit, er ist wie der leuchtende Tag.

F. Mendelssohn: Sechs Sprüche zum Kirchenjahr.
In durchweg opulenten 8stimmigen Sätzen durchmisst Mendelssohn die Feste des Kirchenjahres vom Advent bis zu Himmelfahrt. Dabei reicht die klangliche Palette je nach Charakter des jeweiligen Festes vom dumpfen Adagio bis hin zum strahlenden, jubelnden Allegro. Inhaltlich repräsentiert insbesondere der Text der Passionszeit das Thema des Konzertes: Die "Übeltaten", das Elend und die Sünde stehen für die negativen Seiten des Lebens, die durch Christus in der Herrlichkeit Gottes aufgehoben werden.

Moritz Hauptmann: Wer unter dem Schirm des Höchsten sitzt.
Hauptmann ist ein Schüler Spohrs und Freund Mendelssohns, die zusammen somit einen inhaltlichen Schwerpunkt dieses Programms bilden. Beide haben ihn für das Amt des Thomas-Kantors empfohlen, das er 1842 antrat. Diese Motette ist von großem Ebenmaß und klarer Melodieführung, durchbrochen von kleinen solistischen Einwürfen. Textgrundlage sind Teile des 91. Psalms, in dem der Psalmist von Zuversicht und Hoffnung, den Faktoren des Gottvertrauens, spricht, und damit den Weg zum Heil (= Licht) weist.

Knut Nystedt: The meaning of love.
Diese 8stimmige Motette nach einem Text von Fred Kaan ist in drei klar getrennte Strophen gegliedert. Die Motette entspricht dem Altersstil Nystedts: auf einen einstimmigen Beginn folgt eine dissonante Ausweitung des Klangbildes bis hin zum Cluster, aus dem heraus sich am Ende der Phrase häufig ein Dur-Akkord heraus kristallisiert. Nystedt ist ein Meister der klanglichen Dramaturgie. Er schöpft das ganze Spektrum der Tonhöhen, der Dynamik und Klangfarben aus. Durch seine Art der Satztechnik ermöglicht er eine opulente Klangästhetik. Die Liebe (untereinander und zu Gott) bestimmt unser Leben, den Alltag die ganze Woche hindurch, in guten wie in schlechten Zeiten.

Wolfram Buchenberg: Vidi calumnias et lacrymas!
Der Allgäuer Wolfram Buchenberg gehört inzwischen zu den führenden Komponisten der aktuellen Chormusikszene. Diese Komposition basiert auf einem Text aus Kohelet 4, 1-3 und 3, 12 - 15. Auch hier findet sich eine antagonistische Gegenüberstellung: Der Mensch übt Gewalt aus und beutet aus. Das Glück aber ist ein Geschenk Gottes. Diese Zweiteilung der Aussage spiegelt sich in einer Zweiteilung der Komposition wider. Der erste Teil ist eher homophon gehalten mit einer klanglichen Unterscheidung zwischen Frauen- und Männerchor. Der zweite Teil ist rhythmisch äußerst komplex. Er stellt ein virtuoses "Kabinettstück" dar mit extremen Anforderungen an den Chor. Diese Virtuosität gleicht in ihrer Stringenz und bedingungslosen Zielgerichtetheit einer Losgelöstheit von allem Irdischen.

Eric Whitacre: Sleep
Der Gegensatz von Licht und Dunkelheit bestimmt den Inhalt. Der Text schildert die Abendstimmung, Unruhe vor dem Schlaf, bange Momente der Nacht, Traumbilder ("if there are noises in the night, a frightening shadow, flickering light"). Eine meisterhafte Komposition , von großer dynamischer Bandbreite, starker Expressivität und großer Eindringlichkeit. Ursprünglich war dieses Werk auf einen anderen Text komponiert ("Stopping by woods" von Robert Frost), musste dann aber aus urheberrechtlichen Gründen umgetextet werden. Charles Antony Silvestri fand einen meisterhaften Text für eine grandiose, bereits vorhandene Komposition.

Sven-David Sandström: Psalm 139 "O Lord, you have searched me"
Sandström vertonte die Verse 1-12 dieses tiefgründigen Psalms. Die Komposition ist klar gegliedert und ist in allen Phasen vom Text inspiriert. Sechsstimmige homophone Abschnitte wechseln mit imitatorischen Teilen, Frauenchor mit Männerchor, rhythmisch geprägte Phasen mit melodischen. Das Motiv "O Lord" zieht sich durch das ganze Werk und gliedert die Motette. Es ist ein Anruf mit bittendem Gestus. Vers 5 ("Du hältst mich hinten und vorn umschlossen, hast deine Hand auf mich gelegt") stellt Sandström in einem rythmischen Wettstreit zwischen Frauen- und Männerchor dar, der sich in einen ekstatischen Zustand steigert. Dieser stimmlich höchst exponierte Abschnitt mündet in den totalen Gegensatz: "Zu wunderbar ist es für mich und unbegreiflich, als dass ich es fasste". Voll Innigkeit und Trost erhebt sich die Sopranmelodie über den bittenden Chor. Und wieder der Kontrast: ein harmonisch geprägter Abschnitt mit stark romantischem Zuschnitt fasst die folgenden Verse ("Nähme ich Flügel der Morgenröte") zusammen, bevor im Schlussteil der Motette die Kernaussage "Finsternis ist bei dir wie das Licht und die Nacht leuchtet wie der Tag" in einem weichen Siziliano-Charakter und zart leuchtenden Höhepunkten auf "Licht" tröstlich verklingt. Sandström erweist sich in diesem Werk als ein Meister des Klanges und des Rhythmus. Ihm gelingt eine virtuose und beispielhafte Umsetzung des Textes.

Otto Nicolai: Pater noster
Die Vater-Unser-Vertonung des Zeitgenossen von Mendelssohn, Spohr und Hauptmann weist eine. doppelchörige Anlage mit alternierenden Solisten, basierend auf barocker Tradition auf. Auch im harmonischen Bereich bevorzugt Nicolai klare Kadenzen gegenüber harmonischer Komplexität. Ausgehend von einem breit angelegten Eingang erfährt das Werk durch eine kontinuierliche Steigerung des Tempos zunehmend Dichte und Intensität. Das "Vater unser" formuliert unter anderem die antagonistischen Begriffspaare "Schuld/ Vergebung" und "Erlösung vom Bösen/ Herrlichkeit des Gottesreiches".

 

Die Nacht leuchtet wie der Tag

Maulbronner Kammerchor
Die Nacht leutet wie der Tag

Maulbronner Kammerchor
Leitung: Jürgen Budday

K&K Verlagsanstalt
Edition Kloster Maulbronn, 2010
CD-Audio, DDD, ca. 64 Min.
ISBN 978-3-942801-00-3
EUR 18,-

Erhältlich über den Shop des
Maulbronner Kammerchors

oder bei unseren Konzerten direkt.

 

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