Einmal abgesehen von der Tatsache, dass beide, Pärt wie Dvorák, Stücke aus der Messe (bzw. den vollen Messetext)
vertont haben, wollte deren Gegenüberstellung, die Jürgen Budday mit seinem Maulbronner Kammerchor anlässlich der
Stunde der Kirchenmusik in der Leonhardskirche gewagt hat, nicht so recht überzeugen.
Auf der einen Seite Pärts gewissermaßen objektivierter, der Emotion entsagender Duktus des Figurenwerks seiner
"Summa'', seiner Vertonung des Credos für Chor a cappella, auf der anderen Seite Dvoráks spätromantisch
klangschwelgendes persönliches Glaubenszeugnis in seiner Messe D-Dur op. 86 für Chor und Orgel.
Dessen ungeachtet aber konnte der Maulbronner Kammerchor in beiden musikalischen Bereichen brillieren. Seine punktgenaue
Intonation wie seine glasklare Stimmführung vermochten Pärts Textur des nur scheinbar Immergleichen in hohem
Maße transparent werden zu lassen; allenfalls hätte ein etwas zurückgenommenerer klanglicher Gestus,
ein schwebenderer Ausdruckscharakter Pärts Anliegen vielleicht noch kongenialer treffen können.
Urmas Sisask - wie Pärt auch er ein gebürtiger Este - ist jenem hinsichtlich der kompositionstechnischen Mittel
nicht ganz unähnlich, doch in seiner 1991 entstandenen "Benedictio'' scheint er Gottes Segen geradezu beschwören
zu wollen, so hektisch aufgedreht wirbeln die kleingliedrigen musikalischen Muster in seiner Komposition. Und sie erfahren
oft minimale Varianten ihrer Fügung: erstaunlich, wie präzise der Maulbronner Kammerchor dem zu folgen verstand!
Dvoráks D-Dur-Messe zeigte dann auch die anderen gestalterischen Fähigkeiten dieses exzellenten Chores:
hoch gewölbte, herrlich aufblühende dynamische Bögen, ein weich modellierter klanglicher Schliff und
eine beachtliche Prägnanz der Linienführung.
Schade nur, dass Jürgen Budday die Strahlkraft der Soprane, die kernigen Altstimmen, die höhensicheren Tenöre
und die substanziellen Bässe wie auch die Orgel (Erika Krautter-Budday), wo möglich, nur allzu gerne an die Grenzen
des Forte führte.
Thomas Bopp
Stuttgarter Zeitung, 15. Oktober 2001
"Mein Werk könnte heißen: Glaube, Hoffnung und Liebe zu Gott, dem Allmächtigen, und Dank für
die große Gabe, die mir gestattete, dieses Werk zum Preis des Allerhöchsten und zur Ehre unserer Kunst
glücklich zu beenden'', schrieb Antonin Dvorak 1887 nach Beendigung seiner Messe in D-Dur op. 86.
Diese schon beinahe naive Religiosität spiegelt sich während des ganzen, fast 45 Minuten dauernden Stücks wider.
Volksliedhafte Themen, glanzvolle, majestätische Akkorde und lyrische Bögen erklangen musikalisch ausgereift
durch den Maulbronner Kammerchor in der Leonhardskirche bei der "Stunde der Kirchenmusik''.
Schön ausgearbeitete Klangfarben und klare Strukturierung zeichnen diesen Chor aus. Der Dirigent Jürgen Budday
legt die Betonung auf eine hohe dynamische Flexibilität und einen fast tänzerisch pulsierenden Rhythmus, entstehend
durch Sprachbetonung. Die effektvolle Gegenüberstellung von individuell gestaltendem Solisten und Chor wurde ein wenig
durch die Doppelbesetzung der Soli mit Choristen gemindert.
Die Leistung des Chors, der unter anderem den ersten Preis beim Deutschen Chorwettbewerb in Regensburg gewann, zeigte sich
auch bei den zwei Werken estnischer Komponisten aus dem 20.Jahrhundert, die auf dem Programm standen. Der seit 1983 bestehende
Maulbronner Kammerchor ist der Chor der Maulbronner Klosterkonzerte. Er hat seinen Schwerpunkt auf die Literatur des 19. und
20. Jahrhunderts gelegt.
Archaisch und zeitlos wirkt Arvo Pärts "Summa''. Ein ausschließlich in e-Moll gehaltenes Credo für
vierstimmigen Chor, dessen Form weniger an subjektive Empfindung als vielmehr an mathematische Strukturen erinnert.
Ein jeweils zweitaktiger Männerstimmenblock mündet hier in einen vierstimmigen Chorsatz, der dann in einen
Frauenstimmenblock übergeht. Dieses Muster ist derart konsequent durchgehalten, dass die Stimmen teilweise mitten
im Wort anfangen oder auch enden.
Eine weitere Herausforderung an Gestaltungskunst war "Benedictio'' des 1960 geborenen Esten Urmas Sisak. In einem Arvo
Pärt verwandten, fast mystischen Stil scheint er durch ständige, gebetsmühlenhaft anmutende Wiederholung den
Segen Gottes beschwören zu wollen.
Mit hoher Transparenz und rhythmisch betonter Sprachmelodie, die teilweise an eine Dampflokomotive erinnert, steigert sich
das Stück beinahe ekstatisch zu einem Höhepunkt hin.
Von Erika Habenicht
zurück
Teckbote, 19. September 2001
KIRCHHEIM - "Die Güte des Herrn ist's, dass wir nicht gar aus
sind" - das war das Motto, unter welchem der Maulbronner
Kammerchor im Gedenken an die Opfer und deren Angehörige der
Terroranschläge in den USA ein Konzert gab. Hin aktuelleres
Programm mit Werken zeitgenössischer Komponisten - auf
Höchstniveau dargeboten - hätte der Leiter des Chores,
Kirchenmusikdirektor Jürgen Budday, kaum zusammenstellen
können.
Eine Credovertonung von Arvo Pärt, die in Ihrer für
den Komponisten typischen Enthaltsamkeit in punkto
musikalischen Ausdrucks und harmonischer Struktur seiner
"Passio" nahe kommt, bildete den Anfang, Gleich einer
mathematischen Formel teilt der Komponist den Text in 16 nahezu
gleich lange Abschnitte, bestehend aus Frauenchor,
vierstimmigem gemischtem Chor und Männerchor.
Wachheit und rhythmische Präsenz waren von Anfang
an spürbar. Wer auf Grund der vom Komponisten gewollten
musikalischen Enthaltsamkeit den Eindruck bekam, der Chor
befände sich noch in der Aufwärmphase, wurde eines Besseren
belehrt, als der Chor in schwierigen exponierten Lagen
brillierte. Es folgte eine vier- bis siebenstimmige Motette von
Knut Nystedt "Die Güte des Herrn", in welcher moderne und
spätromantische Kompositionsmittel auf eine, für jeden Zuhörer
nachvollziehbare Weise verknüpft war.
"Schreie laut zum Herrn, ...lass Tag und Nacht
Tränen herabfließen wie einen Bach ...", skandierte ein
Sprechchor der Männerstimmen, der einen, von den klaren
Frauenstimmen in unablässig auf und absteigenden
Tritonusintervallen unterlegt - einen kalten Schauer über den
Rücken jagte. Hier bestach der Chor durch die perfekte
Beherrschung komplizierter rhytmischer Strukturen und moderner
musikalischer Ausdrucksformen.
Ganz unmerklich wurden die Zuhörer dann im zweiten
Teil um hundert Jahre zurückversetzt, als plötzlich die
versöhnlichen Harmonien eines Hugo Wolfs angeschlagen
wurden. Dem Komponisten gelang hier eine perfekte
kompositorische Überleitung, die der Chor anstandslos
meisterte. Aus diesem eher geräuschhaft konzipierten Anfang
kristallisierte sich ein sechsstimmiger Satz heraus. Je
eindringlicher der Text Trost, Vertrauen und Hoffnung zusprach,
desto stärker entwickelte sich die Klanglichkeit.
Bis ins Letzte ausgekostete musikalische
Spannungsbögen in Textteilen wie "... denn der Herr ist
freundlich dem, der auf ihn harrt, und dem Menschen, der nach
ihm fragt" ließen dieses Werk, dem der Chor nicht nur durch
seine enorme dynamische Bandbreite, sondern auch durch echte
Textverinnerlichung Rechnung trug, zu einem großen Hörerlebnis
werden.
Zu einem atemberaubend räumlichen Klangerlebnis
wurde schließlich Nystedts Motette "Immortal Bach", die auf den
ersten sieben Takten von Bachs Vertonung des Chorals "Komm,
süßer Tod" beruht. Wie aus dem Himmel, in Wirklichkeit aber aus
dem Chor der Martinskirche, in welchem sich die knapp über 40
Sängerinnen und Sänger des Maulbronner Kammerchores eigens zu
diesem Stück verteilt hatten, entfalteten sich im Pianissimo
die Klänge der ersten zwei Takte "Komm, süßer Tod". Ganz
unmerklich verdichtete sich der letzte Akkord auf dem Wort
"Tod" bis hin zu einem zwanzigstimmigen Cluster, welcher mit
dem Tonmaterial dieser ersten zwei Takte spielte. Durch die
absolute Reinheit und Selbstverständlichkeit der einzelnen
Stimmen entwickelte sich ein faszinierendes, die Farben, jedoch
nicht die Lautstärke wechselndes Klanggebilde, das schon nicht
mehr irdischen Charakter hatte. Trotzdem zogen in diesem Moment
die unfassbaren Bilder der vergangenen Woche auf. Der Satz
zurück zu einer lupenreinen Vierstimmigkeit, um die Takte drei
und vier des Chorales "Komm sel'ge Ruh" zu rezitieren. Wer mit
zwei völlig konstanten Takten rechnete, wurde überrascht durch
eine abermalige Verzweigung in ein vielstimmiges Gebilde,
welches das erste an faszinierenden Klängen noch zu übertreffen
schien. Dieses Prinzip wiederholte sich ein drittes Mal, um den
Choral schließlich in einem verklärten F-Dur ("Komm führe mich
in Friede") enden zu lassen"
Urmas Sisask litaneiartig ekstatische "Benedictio",
die den Segen Gottes beschwören soll, bildete durch seine auf
Sprache und Rhytmus setzende Anlage einen Kontrast zum
vorangegangenen Stück, Aúch wenn dieses Stück in seiner
kompositorischen Qualität deutsch abfiel, konnte der Chor durch
rhythmische Brillianz und klare Aussprache überzeugen, die noch
im hintersten Winkel der Martinskirche absolut deutlich, zu
verstehen war.
Dvoraks Messe in D-Dur, zu welcher der Chor auf der
Empore Aufstellung bezog, wurde zu einem echten
Glaubensbekenntnis - nicht nur das Credo. Hier gab es keine
Spur von routinemäßigem Abspulen des Messtextes, wie man es
leider allzu oft hören muss, nicht zuletzt, weil das Werk in
seiner Schwierigkeit unterschätzt wird. Im "Kyrie Eleison" war
echte Hingabe von Anfang an spürbar.
Die Beherrschung aller möglichen stimmlichen und stilistischen
Raffinessen der Romantik sowie perfekte Intonation an fast
allen heiklen A-cappella Stellen, eine abwechslungsreiche
Orgelregistrierung und nicht zuletzt das musikalisch engagierte
Orgelspiel von Erika Budday garantierten Kunstgenuss auf hohem
Niveau. Alle musikalischen Erwartungen die man an einen
Spitzenchor stellen kann, wurden erfüllt. Sei es das lebendige
Zupacken zu Beginn des "Gloria" und des "Sanctus", das durch
Mark und Bein gehende "Crucifixus" und das freudige "et
resurrexit", alles wirkte echt und war lebendig.
Die Chorsoli wurden von allen Stimmen mit Bravour
bewältigt. Auch leise, hoch liegende Partien wie "Dona
nobispacem" im "Agnus Dei", wirkten am Ende eines
eineinhalbstündigen Konzertes noch herrlich gelöst. Ein
fantastisches Gespür Jürgen Buddays für die Tempi sowie
wohldosierte Agogik an sämtlichen Übergängen rundeten die Messe
zu einem perfekt in sich geschlossenen Ganzen ab.
Der Applaus des Publikums wurde belohnt durch
Rheinbergers Abendlied "Herr bleib bei uns, denn es will Abend
werden", in welchem noch einmal die volle dynamische Bandbreite
und musikalische Perfektion beeindruckten.
von SAMUEL KUMMER
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Mühlacker Tagblatt, 18. September 2001
MAULBRONN (wes). Es ist beklemmend wahrzunehmen, dass das
Programm der Klosterkonzerte Maulbronn, obwohl bereits am
Anfang dieses Jahres zusammengestellt, gerade am vergangenen
Wochenende der bedrückten Stimmung der meisten Besucher
entsprach. Das war am Freitagabend der Fall, als die von Trauer
und Klage erfüllte Kammersinfonie, Opus 110 a, von Dimitri
Schostakowitsch zu hören war.
Unter der Leitung von Jürgen Budday, dem Begründer des Chores
und künstlerischen Leiter der Klosterkonzerte Maulbronn, führte
der seit 1983 bestehende Kammerchor zeitgenössische Chorwerke
sowie die spätromantisch geprägte Messe D-Dur, Opus 86, von
Antonin Dvorak auf. Insgesamt handelte es sich bei diesen
Kompositionen um geistliche Stücke, die dem Zuhörer Trost in
der Trauer und zudem auch innere Ruhe und Besinnung vermitteln
können. Das Konzert wurde deshalb von der Mehrzahl der Besucher
ohne laute Beifallskundgebungen aufgenommen und verinnerlicht
Im ersten Teil des Konzerts standen Werke von Komponisten des
20. Jahrhunderts auf dem Programm, etwa von Arvo Pärt, geboren
1935, von Knut Nystedt, Jahrgang 1915, sowie von Urmas Sisask,
der 1960 geboren wurde. Mit Elementen des christlichen Glaubens
befassten sich die Texte der aufgeführten Werke, von denen
eines von Knut Nystedt mit dem Titel "Die Güte des Herrn" wegen
der grauenvollen Terroranschläge in den USA kurzfristig
eingefügt wurde.
Der international und national schon vielfach preisgekrönte
Maulbronner Kammerchor unter der Leitung von Jürgen Budday
bestach wieder mit seiner unvergleichlich hohen
Stimmenkultur. Die helle Klarheit der Frauenstimmen und die
strahlende Kraft der Männerstimmen verbanden sich zu
wunderbaren Hörerlebnissen, die in der Klosterkirche Maulbronn
den Eindruck von unirdischer Sphärenmusik entstehen ließen.
Dabei ging die Wiedergabe der 1998 von Knut Nystedt
komponierten Motette für acht bis zwanzigstimmigen gemischten
Chor "Immortal Bach" nach dem Choral "Komm, süßer Tod" von
Johann Sebastian Bach mit seinen unheimlich dichten und ständig
wechselnden Klangfarben, aus der eine faszinierende Raumwirkung
wuchs, förmlich "unter die Haut". Es war dies zweifellos die
reifste und innigste Gestaltung eines Chorwerkes, die man
jemals vom Maulbronner Kammerchor hörte.
Als Überleitung zur Aufführung der Messe D-Dur von Antonin
Dvorak, die eine Begleitung des Chors nur durch die Orgel
vorsieht, führte Erika Krautter-Budday die Sonate für Orgel
Nummer vier in a-moll, Opus 98, von Joseph Rheinberger, einem
deutschen Zeitgenossen des böhmischen Komponisten, auf. Zu
hören war eine von der Virtuosität der Maulbronner Organistin
getragene Wiedergabe, die den spätromantischen Charakter
betonte und auch die meditative Ausstrahlung zur Geltung
brachte.
Die nach der Pause folgende Darbietung der Dvorak-Messe
beglückte in ihrer innigen und andachtsvollen Gestaltung durch
den Maulbronner Kammerchor. Unter der Leitung von Jürgen
Budday gelang es dem Maulbronner Kammerchor, die Fülle der
Melodik, die gelegentlich auch durchaus volksliedhaft geprägt
war, und den harmonischen Reichtum vollendet auszubreiten.
von Rudolf Wesner
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Pforzheimer Zeitung, 18. September 2001
Ein musikalisches Großereignis war das Konzert des Maulbronner
Kammerchores, den Kirchenmusikdirektor Budday binnen acht Jahren
national wie international an die Spitze der Extrachöre geführt hat.
Lange vor Beginn war die Klosterkirche überfüllt. Das Programm verhieß
moderne Kirchenmusik fennoskandischer und baltischer Komponisten sowie
im zweiten Teil die D-Dur-Messe op. 86 für Chorsolisten, Chor und
Orgel von Antonin Dvorak.
Nach der klug analysierenden Beschreibung im Begleitheft musste man
vermuten, dass des Esten Arvo Pärt "Summa" ein mathematisch
kalkuliertes Konstrukt sei und machte sich auf Ohrenpein gefasst Aber
eine verschwiegene Komponente trat hinzu: Beseelung durch die
menschlichen Stimmen wie wehende Schleier, schwebend, verzaubernd. Die
sachte, sensible, suggestive Dirigierweise Jürgen Buddays setzte der
Chor um in subtiles, vergeistigtes Singen.
Der Chorleiter gab eine Programmänderung bekannt. Angesichts der
schrecklichen Ereignisse in USA wechselte er das Stück "Es ist genug"
des Schweden Sandström aus gegen Knut Nystedt Motette "Die Güte des
Herrn" (aus "Klagelieder"). Da führt die Linie von Verzweiflung,
Schmerz zum Hoffen und Gottvertrauen. Nystedt stammt aus Oslo, hat bei
Aaron Copland Kompositionslehre studiert und freies Handhaben der
Tonarten und Klangwirkungen gelernt. Singchor und Sprechchor synchron,
aufwühlend, leidenschaftlich - das sprang den Hörer geradezu an. Dem
konnte sich niemand entziehen.
Einen völlig anderen Charakter hatte Nystedts "Immortal Bach" erst
1998 komponiert. Da wird der Choral "Komm, süßer Tod" verfremdet zu
unerhört fein schimmernden, schillernden Klangflächen, die aus einem
weiten Kreis heraus zwanzigstimmig aufwachsen, aufwallen, changierend
wie Perlmutt eben nur von so einem Chor zu meistern. Ganz anders war
die "Benedictio" von Urmas Sisask für achtstimmigen Chor. Die geht von
metrisch-rhythmischen Künsten aus, federnd, tänzerisch,
temperamentvoll, reich an Synkopen und Taktwechseln. Welch ein Chor
mit solcher Bandbreite des Ausdrucks!
Die Organistin Erika Krautter-Budday spielte sodann die Sonate in
a-Moll (op. 98) von Joseph Rheinberger, festlich, in der Mitte
zärtliches Melos, die abschließende Fuga cromatica in absteigenden
Linien, die schließlich kunst- und kraftvoll aufgefangen werden.
Die Messe Dvoraks wurde getragen vom Zusammenwirken der zehn
Chorsolisten mit dem Gesamtchor. Jubeltöne, volkstümliche Frömmigkeit
dann wieder dramatische Wendungen je nach Textinhalt. Als das Agnus
Dei im leisesten Pianissimo verhaucht war, da war das Publikum
unschlüssig, ob es nach der Fülle der Einwirkungen die eigene
Ergriffenheit durch Applaus zerstören solle. Langes, langes
Schweigen, dann brauste doch der dankbare Beifall - noch länger.
von Berthold Schuh
zurück
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10. Juli 2001
Die Schloßkirche in Bad Homburg ist nicht nur ein
architektonisches Schmuckstück, sondern bietet Musikern wie
Zuhörern mit einer klaren, frischen Akustik und der
sorgfaltigen Kopie (1989) eines Instruments des Homburger
Orgelbauers Johann Conrad Bürgy aus dem Jahre 1787 beste
Voraussetzungen für klangvolle Musikaufführungen.
Innerhalb der 1999 gegründeten Konzertreihe "Musik in der
Kirche", die unter künstlerischer Leitung der
Diplom-Kirchenmusikerin und Konzertorganistin Ulrike
Northoff steht, sang nun der Maulbronner Kammerchor ein
Programm aus geistlicher und weltlicher Musik, das den
hervorragenden Eindruck des Auftritts vor einem Jahr in der
Evangelischen Kirche Bad Homburg-Gonzenheim glanzvoll
bestätigte. Der aus ungefähr vierzig Sängerinnen und Sängern
bestehende Chor trug zuerst das Kyrie und das Gloria aus der
Messe für zwei vierstimmige Chöre Es-Dur op. 109 von Joseph
Gabriel Rheinberger (1838-1901) vor. Makellos in der
flexiblen Stimmführung und der über das Konzert hinweg
einwandfreien Intonationsgebung setzten die Sänger in den
schlichten Gesang des romantischen A-cappella-Werks ein und
steigerten sich mühelos und gelöst zu einem beeindruckenden,
voluminösen Forte. Glasklare Artikulation und auf langem
Atem geführte Phrasierung bestimmten den ganzen
Kyrie-Satz. Kräftig und mit hellem Glanz hörte man das
anschließende Gloria.
Bei der Motette für fünfstimmigen Chor "Jesu, meine Freude"
BWV 227 von Johann Sebastian Bach führte der Gründer und
Dirigent des Maulbronner Kammerchors Kirchenmusikdirektor
Jürgen Budday seine Sänger zu einer maßstabsetzenden
Interpretation. Die dem Römer-Brief des Apostels Paulus
entnommenen Satzteile zu der Thematik von Fleisch und Geist
wurden nicht, wie häufig praktiziert, solistisch, sondern
chorisch aufgeführt. Die einzigartige Pianobeherrschung ging
hierbei mit einer vorbildlichen Textverständlichkeit einher.
Bei der Motette "Immortal Bach" (1998) des 1915 geborenen
Komponisten Knut Nystedt über den Choral "Komm, süßer Tod"
BWV 478 aus Schemellis Gesangbuch von Bach bestätigten sich
ein weiteres Mal die technische Meisterschaft und die bei so
vielen Chören so sehr vermißte innere, emotionale
Beteiligung. Bachs originale Choralnoten werden dabei in
fünf Stimmgruppen verschieden lang zu mehreren Klangflächen
gedehnt. Hier ließ der Kammerchor aus einem Klangexperiment
eine tief berührende Hommage an Bach und das Gefühl für
Ewigkeit entstehen.
Die Vertonung der schlichten Worte der Motette "Es ist
genug, Herr'' (1986) von Sven Sandström (Jahrgang 1938) und
das 1991 komponierte "Benedictio" des estnischen Komponisten
Urmas Sisask (1960) mit der originellen, ostinat
synkopischen Wiederholung der Worte "Benedicat vos
omnipotens Deus" ("Wir preisen dich, allmächtiger Gott")
schlossen den ersten Teil des Konzerts ab. Im zweiten,
weltlichen Melodien und Rhythmen gewidmeten Teil mit Songs
aus der "King's Singers Collection" gingen die Sängerinnen
und Sänger, inklusive des Dirigenten, mit mehr Pop-Gefühl,
doch gebotener Dezenz aus sich heraus. Besonders aufheiternd
für das Publikum war dabei das lautmalerisch-virtuose Lied
"I'm a train" von Abert Hammond. Die einzigartige
Strahlkraft und Farbigkeit der Stimmen steigerte sich in dem
Lied "Somewhere over the rainbow" von Harold Arlen nochmals
zu imposanter Fülle. ist.
Südwestpresse, 26. Juni 2001
Nicht oft ist ein solcher Chor zu hören: Seine Homogenität
und Flexibilität, sein professioneller Umgang mit
Klangstrukturen, sein zartes Pianissimo und sein
strahlendes Forte zeugen von intensiver Chorarbeit und von
großer Verbundenheit mit der Musik. Alles atmet und
strömt, die Intonation ist perfekt, in den leisen
Wirkungen zeigt das Ensemble seine Stärke, auch wenn eine
etwas zu gefühlsbetonte Diktion zwar schöne Klänge
erzeugt, die große Linie aber eher behindert. Ein
polyphoner Motettensatz vielleicht von Schütz oder Bach
wäre ein Gradmesser gewesen.
Der Maulbronner Kammerchor beschränkte sich bei seinem
Konzert im Münster auf Kompositionen des 19. und
20. Jahrhunderts, zwei Werke wurden erst 1990 und 1998
geschrieben. Das erforderte vom Zuhörer zusätzliche
Konzentration, obwohl die zeitgenössischen Werke gemäß
ihrer geistlichen Bestimmung nicht sonderlich "modern"
wirkten. Von der Es-Dur-Messe von Joseph Gabriel
Rheinberger ganz zu schweigen, denn dieses Werk steht
trotz des romantischen Einschlags noch ganz in der
Tradition, ist in der Form von Mendelssohn, im
kontrapunktischen Satz von Bach beeinflusst. Der
Maulbronner Kammerchor unter der einfühlsamen Leitung von
Jürgen Budday sang diese Messe mit viel Transparenz und
mit untrüglichem Sinn für die Dynamik der Texte. Im "Agnus
Dei" dominierte der Gefühlsausdruck auf besondere Weise.
Anschließend spielte Friedrich Fröschle mit gewohnter
Virtuosität eine 1964 komponierte Toccata von Knut
Nystedt, ein Werk, an dessen Anfang ein ausgedehnter
Orgelpunkt steht und das am Ende in einen festlichen
Lobgesang mündet. Sven D. Sandströms achtstimmiger Chor
"Es ist genug" lebte aus der Spannung zwischen
traditionellen Harmonien und disharmonischen Aufschwüngen,
die immer wieder im dunklen, resignierenden Klangakkord
ihre Basis finden. Die schwermütige Stimmung dieses
Chorwerkes kam hier ebenso intensiv zum Ausdruck wie die
tröstliche Botschaft in Knut Nystedts Chor "Die Güte des
Herrn", die anfangs durch die Sprechgesänge der
Bassstimmen ausgedrückt wird. Eine chorische Besonderheit
war Nystedts Motette "Immortal Bach" nach dem Choral
"Komm, süßer Tod", wo die Sängerinnen und Sänger sich zu
beiden Seiten des Chorgestühls im Altarraum
aufstellten. Die klaren Harmonien des Chorals wurden nach
Nystedts Diktion in langen Klanglinien minimal abgewandelt
und verfremdet, ehe sie wieder im Bachschen Originalton
endeten.
Am Ende sang der Chor den achtstimmigen Satz "Benedictio"
von Urmas Sisask, ein stark rhythmisiertes, an Carl Orff
erinnerndes Werk, dessen virtuoser Grundzug unüberhörbar
war und das das technische Können des Chores optimal
bediente. Es gab am Ende langen, begeisterten Beifall, den
die Maulbronner Gäste mit einem weiteren Chorgesang von
Rheinberger und mit einem gemeinsam mit den Zuhörern
gesungenen "Laudate" quittierten.
Von Olaf Gööck
zurück
Die Burger (Kapstadt), 02. Juni 2001
Es sollte nicht nötig sein, den Maulbronner Kammerchor
vorzustellen. Dieser deutsche Chor ist Sieger verschiedener
internationaler Chorwettbewerbe und wurde 1998 als der beste
Chor in Deutschland ausgezeichnet. Sein eindruckvolles
Repertorium umfaßt einige der schönsten und schwierigsten a
cappella Chorwerke vom Barock bis zur Gegenwart.
Als ob das allein nicht genug wäre, ist die Heimat des Chores
das 1147 gestiftete prächtige Kloster Maulbronn im Schwarzwald
in Süddeutschland - ein UNESCO-geschütztes Weltkulturerbe.
Mit dieser Vorinformation und hohen Erwartungen hat ein
zahlreiches Publikum vorgestern abend dem Winterwetter
getrotzt in der Hoffnung, mit ausgezeichnetem Chorgesang
verwöhnt zu werden. Zum Glück sind die Tapferen reichlich
belohnt worden mit himmlischen Chorklängen, die sie die Kälte
schleunigst vergessen ließen und für einen unvergesslichen
Abend gesorgt haben.
Das Programm bestand hauptsächlich aus geistlichen Werken. Zum
Schluß flogten einige weltliche Werke, worunter wunderschöne
Volkslieder der deutschen Romantik (mit Tonsätzen von
Mendelssohn und Brahms) und eine Auswahl aus der King
Singers Collection (wovon "Short People" und "I'm a Train"
Höhepunkte waren).
Das Konzert begann mit einer eindrucksvollen Wiedergabe von
Bachs "Jesu, meine Freude", einer Motette für fünfstimmigen
gemischten Chor. Von ersten Tönen an war es deutlich, dass der
Chor und sein kompetenter Dirigent, Jürgen Budday, ihre Musik
ausgezeichnet beherrschen und genau wissen, wie die richtigen
Nuancen darin zu bewerkstelligen sind. Durchweg beeindruckend
war der Chor durch seinen reichen, vollen Klang, die gute
Balance zwischen den verschiedenen Stimmen, wundervolle
dynamische Kontraste, gute Diktion und polierte
Abrundung. Dieses hohe chorsängerische Niveau wurde im ganzen
Programm durchgehalten.
Außer der Bachmottete und dem Kyrie und Gloria aus Dvoraks
Messe in D-dur Opus 86, kamen geistliche Werke verschiedener
nordischer Komponisten mit großem Erfolg zur Aufführung,
darunter das anspruchsvolle Es ist genug (196) von Sven
D. Sandtröm und Benedictio (1991) von Urmas Sisask.
Der Höhepunkt des Abends waren jedoch zwei Werke des
nordischen Komponisten Knut Nystedt. Das erste, Immortal Bach
(1998), ist eine Motette für 4- bis 20-stimmigen gemischten
Chor beruhend auf der J S Bachschen Vertonung des
Schemelli-Chorals "Komm, süßer Tod". In diesem atemberaubenden
Werk erzeugt die lange, zeitweilig fast atonale melodische
Linie eine beinahe hypnotische Atmosphäre.
Das zweite Werk von Nystedt, Die Güte des Herrn (1990), für 4-
bis 7-stimmigen Chor ist eine ergreifende Vertonung eines
Textes aus den Klageliedern Jeremias.
Das Publikum erhob sich am Ende des Abends zu überwältigendem
Applaus und brachte damit seine Anerkennung des überragenden
Chorgesangs aufs beste zum Ausdruck.
Von Birgit Ottermann, Übersetzung von Ulrich Plüddemann
zurück
Leonberger Zeitung, 30. April 2001
HEMMINGEN - Stehende Ovationen erntete der Maulbronner
Kammerchor für sein beeindruckendes A-capella-Konzert am
Samstag in der Laurentiuskirche. Die Sängerinnen und
Sänger hatten ein intensives Probenwochenende hinter sich
und begeisterten trotz ihrer strapazierten Stimmen mit
zeitgenössischer geistlicher Musik.
Das einzige nicht moderne Werk war eine Messe des Münchner
Komponisten Joseph Gabriel Rheinberger, vom Kammerchor
gewählt wegen Rheinbergers hundertstem Todestag. Ein
besonderes Schmankerl, denn die Werke Rheinbergers sind
heute beinahe vergessen oder werden selten
aufgeführt. Sanft und ausdrucksstark erhoben sich die
Stimmen der für zwei vierstimmige Chöre eingerichteten
Messe Es-Dur "Cantus Missae" zum Kyrie. Verzehrende,
sehnsuchtsvolle Klänge wechselten beim Gloria zum
triumphierenden Schall des vollen, runden Klangkörpers,
der dank der heute nur selten gesprochenen oder gesungenen
lateinischen Sprache fast mystischen Charakter
entwickelte. Man kann dem Chor und seinem hervorragend
ausgebildeten Tenor nur Hochachtung zollen. Nicht umsonst
gewinnen die Sänger unter der Leitung von Jürgen Budday
immer wieder Preise wie den 5. Deutschen Chorwettbewerb in
Regensburg im Mai 1998.
Die eigentliche Besonderheit des Konzertes war, wie leicht
der Chor den Zugang zu der zeitgenössischen geistlichen
Abendmusik schuf. Immerhin war das älteste Werk, das zu
hören war, gerade erst 40 Jahre alt, das jüngste erst 1998
komponiert. Zudem verbanden die Stücke schwer verdauliche
Themen mit anspruchsvoller Musik. Diese überforderten
jedoch in ihrer musikalischen Umsetzung die Zuhörer
keineswegs, wie der begeisterte Applaus belegte. Der Chor
nahm das Publikum in die geistliche Atmosphäre der Stücke
mit hinein. Direkt aus der Probe brachten sie "Es ist
genug" von Sven D. Sandström mit, eine Motette für einen
acht- bis sechzehnstimmigen Chor. 1980 komponiert, bedient
sich der schwedische Musiker einer der zentralen Gattungen
mehrstimmiger Vokalmusik des Hochmittelalters. In der
Motette durchlebt ein Beter die Nuancen der Melancholie,
der Resignation und der verzweifelten Hoffnungslosigkeit,
sich gegen das übermächtige Schicksal aufzulehnen: Es ist
genug. Ein beeindruckendes Spiel mit beklemmenden und fast
schrillen Frauenstimmen über einem sechsstimmigen
Ostinato, das vor allem manchmal nur noch brummende
Männerstimmen trugen. Der himmelschreiende Jammer, bis zum
bemerkenswerten Stimmungswechsel und verzweifelten
Aufbäumen des Betenden ergriff das Publikum.
Zum 1998 komponierten Stück nach einem Choral von Johann
Sebastian Bach "Komm süßer Tod", stellte sich das Ensemble
in einer langen Reihe bis in den hintersten Winkel des
Chores nebeneinander auf. Sänger ließen jeden der Töne
unendlich lange ausklingen, dann nahmen andere Stimmen das
Motiv wieder auf, umspielten es und ließen es wiederum
ausklingen. So verdeutlichte der Chor eindrucksvoll die
eigene Vergänglichkeit und zugleich die Verheißung des
Paradieses.
Wesentlich schwungvoller die Klänge von Knut Nystedt:
Die Männerstimmen sprachen einen modernen Text, riefen
rhythmisch und süß-fordernd umspielt von den Frauen die
Botschaft der 1991 komponierten Motette "Die Güte des
Herrn ist's" für einen sechs bis siebenstimmigen Chor. Die
genau abgestimmten Sänger waren dynamisch kontrolliert und
schienen sich jedes Effekts bewusst zu sein. Den Abschluss
setzte ein pointierter Staccato-Segen, das Benedictio von
Urmask Sisask. Ungewöhnlich wenig salbungsvoll, aber mit
einem musikalischen Esprit, der aufs Publikum übergriff.
Von Guntram Zürn
zurück